Was ist institutioneller Rassismus?

In den USA gab es kurz hintereinander mehrere Vorfälle, die eine neue Diskussion über institutionellen Rassismus in der Polizei und der Justiz auslösten: die Erschießung eines schwarzen Teenagers und die Erwürgung eines schwarzen Mannes durch Polizisten. In beiden Fällen wurden die Polizisten nicht strafrechtlich verfolgt. Hier finden Sie einen Artikel des Guardian zu dem Fall.

Eine individuelle Diskriminierung geht sowohl von einzelnen Personen aus, die ein menschenfeindliches Weltbild gutheißen, als auch von solchen, die sich selbst als weltoffen und sensibilisiert empfinden. Abfällige Bemerkungen gegenüber People of Color illustrieren eine rassistische Einstellung. Jugendliche wegen ihrer Zuschreibung als Araber_innen oder Türk_innen nicht in einen Club einzulassen verdeutlicht diese Einstellung in einer konkreten diskriminierenden Handlung. Diese Ausgrenzungen werden als individueller Rassismus bezeichnet.

Der Ansatz des institutionellen Rassismus wurde in den 60er Jahren in den USA entwickelt. Diese Analyse wurde zunehmend auch in Europa ab 1999 weiter verfolgt.

1993 wurde in London der 18-jährige schwarze Teenager Stephen Lawrence an einer Bushaltestelle erstochen. Die britische Polizei hatte Hinweise, dass die Tat rassistisch motiviert war, es lagen auch Zeug_innenaussagen zu Tatverdächtigen vor. Trotzdem wurden die Täter_innen nicht gestellt und die Familie des Opfers wurde von den Polizeibeamt_innen unangemessen und unsensibel behandelt. Ähnliches Fehlverhalten zeigte die deutsche Polizei bei der Untersuchung von neun Morden an Einwanderern, die – wie nun bekannt ist – von der rechtsextremen Terrorgruppe ,Nationalsozialistischer Untergrund‘ (NSU) ermordet wurden und nicht, wie von der Polizei über lange Zeit vermutet, von anderen Einwanderern und Einwanderinnen.

Das britische Parlament richtete als Reaktion auf den Mord an Stephen Lawrence auf öffentlichen Druck hin einen Untersuchungsausschuss ein, der sich mit dem Polizeiverhalten im erwähnten Mordfall beschäftigte. Im 1999 veröffentlichten Bericht wird erstmals institutioneller Rassismus definiert als:

„das kollektive Versagen einer Organisation oder Institution, für Menschen bezüglich ihrer Hautfarbe, Kultur, Religion und ethnischen Herkunft oder Zuschreibung geeignete und professionelle Leistungen und Angebote zu erbringen. Er lässt sich in Prozessen, Einstellungen und Verhaltensweisen festmachen, welche auf eine Diskriminierung hinauslaufen und durch unbewusste Vorurteile, Ignoranz, Gedankenlosigkeit und rassistische Stereotypen, die oben genannten Personen individuell oder kollektiv benachteiligen. Zielführende Maßnahmen und Politiken vermögen es diesem institutionellen Rassismus entgegen zu wirken“.

Diese Definition entfernt sich vom Ansatz des_der individuellen Täter_in, der_die andere vorsätzlich ausgrenzt und diskriminiert, und nimmt die Auswirkung eines institutionsinternen Mechanismus in den Blick. Einzelne Akteur_innen sind nur Teil eines komplexen Gefüges, das in seiner Gesamtheit agiert. Einzelne Akteur_innen haben zwar (positiven oder negativen) Einfluss auf die Wirkungsweise der Institution, können diese jedoch nur bedingt zum Positiven oder Negativen verändern.

Institutioneller Rassismus ist ungleich schwieriger zu erkennen als individuelle Formen von Diskriminierung und benötigt andere Bearbeitungsansätze.

Darüber hinaus bestehen strukturelle Formen von Rassismus, die Ungleichbehandlungen durch demokratisch verabschiedete und staatlich legitimierte Rechtsnormen verursachen. Der niedrigere Sozialhilfesatz für Asylbewerber_innen, wie er bis Sommer 2012 ausgezahlt wurde, oder die Residenzpflicht (die gesetzliche Verpflichtung von Asylbewerber_innen, den Umkreis ihrer zuständigen Behörde nicht zu verlassen), die in manchen Bundesländern gilt, stellen Beispiele für einen strukturellen Rassismus dar. Dieser wird im vorliegenden Dossier nicht weiter behandelt.

© Büro zur Umsetzung von Gleichbehandlung e.V. 2011